Optimistischer Nihilismus

Ich wurde katholisch erzogen, so wie es in den meisten Teilen Süddeutschlands üblich ist. Ich wurde getauft, besuchte den katholischen Religionsunterricht, Schule (immer eine einfache Note weil es mir Spaß machte), empfing meine erste Kommunion, musste beichten gehen und ließ mich sogar firmen. Eben alle Sakramente die ein guter Katholik hinter sich haben sollte bevor er heiratet. Während dieser Zeit wurde ich von niemandem gefragt ob ich das überhaupt alles mitmachen will, hinterfragt habe ich es selbst natürlich auch nicht, schließlich war ich ja noch ein Kind. Warum also wurde ich überhaupt katholisch erzogen und musste durch 13 Jahre katholischen Religionsunterricht? Hätte ich in dieser Zeit nicht etwas nützlicheres lernen können? Die Argumentation dafür lautet meistens so oder so ähnlich:

Meine Eltern waren katholisch, also werden meine Kinder auch katholisch.

Das ist mir zu faul.

Ich wurde glücklicherweise auch erzogen skeptisch zu sein, immer zu hinterfragen was ich lese oder mir von Außen mitgeteilt wird. "Das ist eben so" war und wird für mich niemals auch nur annähernd eine befriedigende Antwort sein.

Aus diesem Grund kann ich mich auch nicht damit anfreunden eine unsichtbare Entität anzubeten, die uns lenken oder über uns wachen soll. Das gilt natürlich für alle Religionen. Ich sehe das positive in den meisten Religionen und bin mir bewusst, dass sie vielen Menschen mit ihren Sorgen und Ängsten helfen können. Ich respektiere das. Ich gewinne aus dieser Art von Trost allerdings nichts.

Natürlich hat dieser Prozess einige Zeit in Anspruch genommen, schließlich musste ich erstmal meinen Kopf von den Gedanken befreien die mir seit meiner Kindheit eingebleut wurden.

Dieses Jahr zog ich endlich die Konsequenz aus diesem Prozess und trat schließlich aus der Kirche aus. Mir wurde es in der letzten Zeit immer unangenehmer zu wissen, dass auf meinen offiziellen Papieren "katholisch" als Konfession eingetragen war. Das passt nicht mehr zu meiner Identität. Als Christ bezeichnet zu werden bereitet mir schlicht Unbehagen.

Ich bin äußerst dankbar, dass ich in einem offenen Umfeld ausgewachsen bin, dass diese Entscheidung respektiert und mich trotz katholischer Erziehung nie gezwungen hat diesen Glauben ausleben zu müssen. Mir ist bewusst, dass nicht jeder diese Art von Freiheit genießt.

An was glaube ich also?

Ich glaube weder an einen von der Natur vorgegeben Sinn des Lebens, noch an ein Leben nach dem Tod. Es befreit mich.

Versuche dich mal für einen Moment mit meiner Philosophie anzufreunden:

Wir wir wissen, wird unsere Sonne irgendwann erloschen sein und alles Leben auf der Erde wird aussterben, unsere Milchstraße wird mit der Andromedagalaxie kollidieren und das Universum selbst wird wahrscheinlich irgendwann selbst am Hitzetot sterben. Das heißt jeder der irgendwann mal gelebt hat, wird tot sein. Niemand wird sich mehr an dich oder mich erinnern. Ich meine die Wahrscheinlichkeit, dass sich in 200 Jahren überhaupt noch jemand an dich erinnert ist sowieso schon schwindend gering. Überleg mal - kennst du auch nur einen deiner Ururgroßeltern? Was sie gearbeitet, welche Hoffnungen und Ängste sie hatten, ob sie gute Menschen waren oder welche Musik sie mochten? Ich auch nicht. In Relation zur Zeit spielt das auch überhaupt kein Rolle. Das Universum ist ungefähr 13,81 Milliarden Jahre alt. Wenn du dich nicht an die Milliarden von Jahre vor deiner Geburt erinnern kannst, werden auch die nächsten paar Billionen Jahre wie im Flug vergehen. Nichts davon spielt eine Rolle. Nihilismus.

Selbst wenn Wissenschaftler eines Tages herausfinden sollten was Leben ist oder warum Materie gleichzeitig Charakteristiken von Wellen und Teilchen aufweist, wird es unserer Existenz keinen tieferen Sinn geben.

Sieh es optimistisch. Nichts was du machst hat im Angesicht der Ewigkeit eine Bedeutung. Jeden Fehler den du begehst oder Erniedrigung die du erleiden musstest spielt irgendwann keine Rolle mehr. Jeder Kater, jeder Liebeskummer, jede Enttäuschung, jedes Schuldgefühl - nichtig. Niemand mehr da der sich daran erinnern kann. Wenn dein Leben das einzige ist, dass du erleben kannst, dann ist es das einzige was zählt. Wenn die Natur uns keinen Sinn im Leben gibt, dann liegt es alleine an dir einen Sinn im Leben zu finden. Wir werden beide irgendwann aufhören zu existieren. Ja und? Bevor wir das tun gibt es so unendlich viel zu erkunden und entdecken - Kunst, Computerspiele, Gefühle, Orte, Menschen. Außerdem gibt doch so viel zu tun auf diesem Spielplatz der buchstäblich so groß wie das Universum ist - Die Erde und unser Sonnensystem erkunden, neue Dinge erfinden, Menschen helfen, schöne Gefühle erleben und interessante Bücher zu lesen. Wenn das hier jetzt dein einziges Leben ist, dann gibt es doch keinen Grund es nicht zu genießen und so glücklich wie möglich zu sein.

Zu wissen, dass nichts eine Rolle spielt ist beruhigend. Nach dem du diese zunächst furchteinflößende Wahreit akzeptiert hast, ist Überall wo du bist das Zentrum des Universums, jeder Mensch der wichtigste auf dem Planeten,  jeder Moment der einzige Moment und alles was du erlebst der Sinn des Lebens.