Das Experiment: Rückblick

Heute ist der letzte Tag des Experiments das Vin und ich vor 32 Tagen gestartet haben. Hierfür flog ich nach Toronto um gemeinsam an einem Projekt namens Futureland zu arbeiten. Wir hatten über die 4 Wochen wahnsinnig viel Spaß und konnten beide viel voneinander lernen. Zusammen mit jemandem an einem Projekt zu arbeiten war eine spannende Erfahrung die ich gerne wiederholen möchte.

Alles aufzuzählen was ich im letzten Monat gelernt habe würde den Rahmen dieses Blogs sprengen. Was folgt ist eine kurze Einschätzung meiner Erfahrungen.

House 1

Die Idee war es zusammen in einem Haus an Futureland zu arbeiten. Eine brillante wie sich herausstellte.  Vin hat bei der Auswahl der Nachbarschaft einen Volltreffer gelandet. Das Viertel in dem wir lebten war genau nach meinem Geschmack. Die Straße an sich war zwar ruhig, hatte aber eine sehr belebte Nachbarschaft.

Die Idee eines Hauses in dem man arbeitet bietet mehrere Vorteile. Zum einen konnte sich unsere Freundschaft schneller entwickeln. Zum anderen hat man es nicht weit bis zur Arbeit und man fühlt sich heimisch. Außerdem hat Vin stets dafür gesorgt, dass das Haus voller interessanter Menschen ist. Ich habe diese Besuche immer sehr genossen. Es wurde zwar auch dann oft über Futureland gefachsimpelt, allerdings war es auch eine willkommene Ablenkung von der Arbeit an Futureland selbst.

Esszimmer

Es war spannend zu sehen, dass jeder Raum im Haus seine ganz eigene Rolle erfüllt. Wie bei Parties kam es vor, dass in der Küche Konversationen begonnen, die später im Wohnzimmer fotgesetzt wurden.

Wir fingen an im Esszimmer zu arbeiten weil dort ein riesiger Tisch stand wo wir unsere Arbeitsstationen aufbauen konnten. Allerdings dauerte es nicht lange und wir schafften fast nur noch im Wohnzimmer weil wir uns dort wohler fühlten.

Wohnzimmer

Um uns von der Arbeit abzulenken brachte Vin einige Bücher und eine Nintendo Switch mit. Es war kein Wunder, dass wir meist nur zu letzterem griffen.

Zusammen mit jemandem über einen längeren Zeitraum in einem Raum zu arbeiten, geschweige denn im gleichen Haus zu leben war von Anfang an eine Herausforderung für mich. Vor allem weil ich beides noch nie gemacht habe. Ich war mir sicher, dass mir dieses Arrangement nach 3 Tagen auf die Nerven geht. Es war letztendlich kein wirkliches Problem. Dadurch, dass ich wusste, dass es einen klaren Endpunkt für das Experiment gibt, konnte ich viele Dinge die mich eigentlich gestört hätten einfach ignorieren.

Wir arbeiteten täglich intensiv und lange. Vergaßen dabei oft die Zeit und nahmen uns auch viel davon um zu reden und abzuschweifen.
Für das Arbeiten im selben Raum haben wir uns ein paar lose Regeln ausgedacht. Wir arbeiteten fokussiert in Pomodoros, eine Technik bei der man für 25 Minuten konzentriert an einer Sache arbeitet, ohne sich dabei von außen ablenken zu lassen. Das bedeutet unter anderem keine Push-Notifications und vor allem kein Reden. Danach macht man 5 Minuten Pause. Wir nutzten diese Zeit um uns wieder auf den gleichen Stand zu bringen und dem jeweils anderen zu zeigen an was man gerade gearbeitet hat. In den meisten Fällen feierten wir die Ergebnisse eines jedem Pomodoros.

Mir halfen diese kurzen Pausen auch dabei entspannt zu bleiben. Es sind Pausen in denen ich Abstand vom Zusammensein bekomme und meine Gedanken wieder nur für mich habe. Unterbrechungen bei der Arbeit sind für mich einer der größten Ursachen für Stress und schlechte Laune. Das hatten wir seit Tag 1 in den Griff bekommen. Vin konnte mir hier auch nochmal bestätigen, dass keine seiner anderen vorher ausgeübten Tätigkeiten einen ähnlichen Fokus wie das Programmieren erfordern.

Das Zusammenleben in einem Haus hat unsere Freundschaft enorm beschleunigt. Schließlich lernt man einen Menschen sehr schnell kennen wenn man jeden Tag 16 Stunden miteinander verbringt.

Die richtigen Projekte

Mir wurde klar wie wichtig es ist an Projekten zu arbeiten an denen man arbeiten will. Es macht keinen Sinn zu warten und darauf zu warten bis einem das Universum seine Traumprojekte in den Schoß legt. Dazu ein Beispiel.

Ein Photograph, der sich immer wieder für Hochzeiten buchen lässt, wird für immer ein Hochzeitsphotograph bleiben. Auch wenn er wünscht in Zukunft Landschaften oder Models zu fotografieren, so wird er immer wieder nur für Hochzeiten gebucht werden, weil er hierfür bekannt ist. Er müsste zuerst beweisen, dass er verdammt gut darin ist Landschaften zu fotografieren. Die Chance sich hier zu beweisen kommt ihm nicht einfach zugeflogen. Er muss selbst die Initiative ergreifen und anfangen zu fotografieren was er mag. Gibt es keine Aufträge für Fotoshootings so muss er selbst eines organisieren. Warum sollte ihn jemand für ein Shooting buchen wenn er nicht beweisen kann, dass er gut darin ist?

Aus diesem Kreislauf herauszukommen ist nicht einfach. Es erfordert Mut und Fleiß.

Ich wollte schon immer an meinen eigenen Produkten arbeiten und habe deshalb langsam angefangen diese zu entwicklen. Das Ergebnis sind unter anderem Macrowave und Vagabundo. Meine ersten eigenen Schritte in eine Produktentwicklung die meinen eigenen Werten entspricht. Das war nicht einfach. Ich habe unzählige Wochenenden und Abende geopfert um neben meiner Kundenarbeit an diesen Projekten wirken zu können.

Verdient habe ich damit keinen Cent. Es hat sich trotzdem gelohnt. Man wurde auf mich Aufmerksam und ich wurde unter anderem zu diesem Projekt in Toronto eingeladen.

Vin hat mir sogar erzählt, dass bevor er mich eingeladen hat, er diese Projekte an seine Vertrauten geschickt hat, die sich besser mit Softwareentwicklung auskennen als er. Diese hätten sich die Projekte und mein Webauftritt akribisch vorgenommen und darüber geurteilt ob es sich lohnt mich überhaupt einzuladen. Wäre die einzige Information über mich gewesen, dass ich für eine Firma arbeite die GPS-Tracker für Wohnwagen entwickelt, wäre es nie zu unserer Kollaboration gekommen. Der Unterschied zwischen den Projekten an denen ich arbeiten wollte zu denen an denen ich tatsächlich gearbeitet habe wäre zu groß gewesen. Philosophie, Werte, Geschmack und Gestaltung zu verschieden.

Für mich gilt das Gleiche. Hätte ich nicht gesehen an was Vin arbeitet oder was er in der Vergangenheit gemacht hat, hätte ich niemals in Erwägung gezogen der Einladung nachzukommen. Echt erkennt eben echt.

Bescheidenheit

Ich habe wieder mal gemerkt wie wichtig es ist, Geduld für seine Mitmenschen zu haben und Bescheidenheit zu üben. Nur weil man eine Sache gemeistert hat, heißt das nicht, dass es alle anderen auch haben müssen. Respekt ist essentiell.

Ein gutes Mittel gegen Überheblichkeit ist es, eine neue Disziplin zu lernen in der man so gut wie keine Erfahrung besitzt. Zu erkennen, dass alle Menschen beim erlernen neuer Fähigkeiten bei null anfangen, regelt das Problem mit der Arroganz von ganz alleine. Etwas gemeistert zu haben macht einen nicht besser als andere Menschen. Es zeigt nur wie viel Fleiß man in etwas gesteckt hat. Kein Grund zur Überheblichkeit.

Mittelmäßigkeit

Es ist in Ordnung mittelmäßige Arbeit abzuliefern. Das ist nicht nur Teil des Prozesses, sondern essentieller Bestandteil des Lernens. Um eine neue Disziplin zu meistern, muss man erst sehr viel mittelmäßige Arbeit abliefern.

Ein grundlegendes Problem der heutigen Gesellschaft ist, dass überall Perfektion beworben wird. Das Instagram Problem. Dies ist auf so vielen Ebenen schädlich. Dadurch finden Menschen schwerer den Mut, neue Dinge zu lernen, weil sie genau wissen wie schwer der Anfang sein kann. Niemand hat Lust darauf, erstmal schlecht in etwas zu sein. Der Witz ist, dass das der einzige Weg ist um eine Disziplin zu meistern. Es erfordert Jahre lang Mittelmäßigkeit zu produzieren bis man wirklich richtig gut wird. Die Angst etwas neues anzufangen ist dann so lähmend, dass man es nicht mal versucht.

Futureland beweist genau wie es anders geht. Es fasziniert mich tagtäglich zu sehen wie gut Menschen innerhalb eines Jahres in einer Disziplin werden können, solange der Wille dazu da ist. Es ist unglaublich inspirierend zu sehen wie schnell der Mensch lernen kann, solange genug Interesse besteht.

Jeder Mensch kann alles lernen was er sich zum Ziel setzt. Der Weg dorthin wird allerdings lang und schwierig sein. Es gibt keine Abkürzungen. Ich bedauere jeden der diese Erfahrung noch nicht gemacht hat. Sie ändert das Weltbild für immer.

Remote ist nicht alles

Unsere Arbeit wurde seit dem wir nicht mehr nur über das Internet zusammen arbeiten enorm beschleunigt. Gleichzeitig im selben Raum zu sitzen und auf den selben Monitor zu schauen zu können ist eine große Hilfe. Ideen schnell zusammen auszuprobieren und mit Händen zu erklären ist ein riesiger Vorteil gegenüber meiner üblichen Remote-Arbeit. Es gibt allerdings auch einige Nachteile.

Alleine remote zu arbeiten hat den großen Vorteil, konzentrierter wirken zu können. Man wird von niemandem gestört und wird so gut wie nie unterbrochen. Die ständigen Unterbrechungen die ich während des Experiments bekommen habe, bremsten mich deutlich aus. Dadurch waren die Tage teilweise anstrengender und es konnte frustrierend sein, dass man mehr abgeschweift ist, statt produktiv gearbeitet zu haben. Wenn man es durch eine Produktivitätslupe betrachtet, kann einen das deutlich einschränken. Es ist einfach seinen Kollegen abzulenken oder sich ablenken zu lassen. Man landet so oft in stundenlangen Konversationen, die man ungerne wieder verlässst.

Was die Kreativität betrifft wurden meine Annahmen wieder mal bestätigt. Es ist essentiell Zeit miteinander zu verbringen. Zeit in einer Räumlichkeit. Ideen entstehen schneller und können viel genauer besprochen und durchleuchtet werden. Allerdings fällt mir auch oft auf, dass man zusammen schnell in eine Euphorie gerät und Ideen aufkommen die man im einen Moment großartig findet und sich am nächsten Tag fragt was man sich dabei gedacht hat.

Ein großer Vorteil der Arbeit in einem Büro ist natürlich, dass man nicht so schnell vereinsamt wie alleine in einem Zimmer. Es ist ein allgemeines Problem, dass sehr viele Remote-Arbeiter betrifft. Auch ich musste diese Erfahrung schon machen. Dazu kommt noch, dass es einfacher ist eine Beziehung zu einem Menschen aufzubauen wenn man ihn schon mal direkt in die Augen schauen oder berühren konnte. Ich für meinen Teil habe es sehr genossen zusammen mit Vin zu arbeiten.

Für ein optimales Arbeitsumfeld braucht man meiner Meinung nach eine gesunde Mischung zwischen Arbeitszeit, die jeder für sich wann und wo auch immer erbringen kann, und Zeit, die man gemeinsam am selben Ort verbringt. Ich weiß, dass in vielen Berufen dieser Hybrid die Zukunft des Arbeitens sein wird. In unserer Gesellschaft spielt es glücklicherweise immer mehr eine Rolle so viel wie möglich aus seinem Leben zu machen. Dabei wird oft von einer gesunden "Work-Live-Balance" gesprochen. Es macht nur Sinn, dass man für diese Balance selbst entscheiden können muss wann und wo man arbeitet. Dies gibt einem mehr Freiheit sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Zusätzlich sehe ich es als wichtig an, Lebenszeit die man mit Pendeln verschwendet zu reduzieren. Das reduziert natürlich auch den Berufsverkehr für Menschen die wirklich an einem bestimmten Ort sein müssen um ihre Arbeit auszuführen und ist dazu noch besser für die Umwelt. Das Konzept baut selbstverständlich darauf auf, dass ein Individuum fähig ist, trotz dieser Freiheiten täglich seine bestmögliche Arbeit abzuliefern.

Ich würde sogar sagen, dass ein Mitarbeiter der täglich in einem Büro kontrolliert werden muss um seine Arbeit abzuliefern, nicht die richtige Person für einen Job ist. Zumindest nicht wenn man nach größerem strebt.

Vertrauen

Natürlich ist mir vor der Reise oft die Frage aufgekommen wie ich einer total fremden Person vertrauen kann. Für jemanden der noch nie eine Bekanntschaft über das Internet gemacht hat ist das schwer zu verstehen. Doch selbstverständlich gab es auch für uns im Vorfeld genug Möglichkeiten Vertrauen aufzubauen. Wir haben zuvor 2 Monate lang täglich gechattet und miteinander gearbeitet, einige Male telefoniert und uns natürlich gegenseitig durchleuchtet.

Vin erzählte mir, dass am Tag meiner Anreise seine einzige Hoffnung war, dass ich überhaupt erscheine. Für mich im Gegensatz zählte nur, dass er mich vom Flughafen abholt.

Toronto

Ich schätze Toronto sehr. Das Wetter im Winter könnte natürlich ein bisschen besser sein, aber das gehört wohl dazu. Alle Menschen die ich kennen lernen durfte sind wahnsinnig freundlich und zuvorkommend. Der kanadische Stereotyp hat sich bestätigt.

Ich beneide Menschen, die hier aufwachsen dürfen. Die Einwohner scheinen von überall zu kommen. Eine Wundertüte aller möglichen Kulturen und Ethnien.

Das färbt sich auch am breiten Angebot von fantastischen Küchen aus der gesamten Welt ab. In der kurzen Zeit in der ich hier war, haben wir oft das gleiche gegessen. Nicht weil nicht genug Angebot vorhanden war. Meistens weil wir zu faul waren um eine neue Entscheidung zu treffen. Trotzdem war es immer vielfältig. Highlights war koreanisches BBQ und jamaikanisches Jerk Chicken. Insgesamt konnte ich die Vielfalt von asiatischen Restaurants sehr genießen.

Wenn ich in einer Bar saß war ich erstaunt von all den verschieden aussehenden Menschen die darin sitzen. Niemand ist langweilig. Das ich einen schrägen deutschen Akzent habe, wenn ich spreche fiel den meisten garnicht auf, weil viele die hier sind Akzente haben.

Genau so stelle ich mir gemeinsames Leben mit anderen Kulturen vor. Alle tragen dazu bei, dass Toronto dieser neue aufstrebende Ort in Nord Amerika ist.

Statt rechten Unsinn, wie Diskussionen über Kopftuchverbote und Religionsfreiheit, gibt es hier zum Beispiel, extra Uniformen für Polizisten, die eine religiöse Kopfbedeckung tragen. Wie das aussieht? Verdammt cool. Friedliches und respektvolles Miteinander, statt Abgrenzung und Hass.

Ich bin wirklich gespannt wie sich Toronto im Sommer anfühlt. Bis jetzt habe ich nur gutes gehört. Fast alle die ich hier getroffen habe schwärmen vom dortigen Sommer. Ich muss zugeben, dass ich mir das sehr gut vorstellen kann. Ich war an sehr vielen coolen Orten bei denen ich mir sicher bin, dass es dort über den Sommer ziemlich belebt sein wird. Überall hübsche Cafes und Restaurants, schöne Menschen und eine aufregende Stadt. Ich bleibe gespannt.

Eines der Highlights war es für mich ein Toronto Raptors Spiel anzusehen. Ich hatte mich darauf schon vor der Reise gefreut. Es war super spannend zu sehen wie sich unsere Kultur und Sportarten hier voneinander unterscheiden. Amerikanische Vorurteile wurden allerdings bestätigt. Es wurde sehr bunt, laut und übertrieben fröhlich. Für mich war es definitiv aufregender als ein deutsches Fußballspiel.

Eine weitere Entdeckung war für mich die TIFF Lightbox. Man kennt den Namen vom "Toronto International Film Festival". Ein großes Institut rund um den Film. Es gibt ein kleines Museum, Lehrgänge und ein Lager in denen alte Filmrollen präserviert werden. Im Programm sind des öfteren uralte Klassiker, die es nur noch dort auf original Filmrollen zu sehen gibt. Ich liebe diesen Ort. Wir sahen dort mehrere großartige Film.

Fazit

Ich bin wahnsinnig dankbar dafür, dass Vin Kontakt zu mir aufgenommen hat und mir nicht mal 3 Monate später ermöglicht hat, mit ihm an einem Projekt in Toronto zu arbeiten. Das Experiment war ein voller Erfolg. Ich würde es jederzeit Wiederholen wenn ich könnte. Meine Erwartungen wurden definitv übertroffen. Ich habe einen neuen Freund und einiges dazu gelernt.