Acedia

Mir fällt immer wieder auf wie bequem wir als westliche Gesellschaft doch geworden sind. Es ist ein roter Faden der sich scheinbar durch alle Themenbereiche unseres Lebens zieht. Trägheit und Bequemlichkeit des Geistes scheinen jeden von uns in irgendeiner Form zu betreffen. Wir haben enorme Schwierigkeiten langfristig zu denken, wenn wir uns stattdessen kurzfristige Vorzüge verschaffen können.

Beispielsweise weiß man, dass Amazon ihre Mitarbeiter ausbeutet, so gut wie keine Steuern zahlt, dem Einzelhandel irreversible Schäden zuführt und ihre Konkurrenz mit niederträchtigen Mitteln zerstört. Es hindert uns aber nicht daran, gemütlich vom Sofa aus ihre App zu benutzen und uns wie ein König bedienen zu lassen. Es ist einfach zu bequem der Versuchung zu widerstehen.

Gleiches gilt natürlich auch für Cloud-Anbieter und Anbieter kostenloser Apps wie Facebook, Google oder Apple. Jeder weiß, dass die Cloud im Prinzip nur ein Computer eines Fremden ist. Diese Tatsache bringt uns trotzdem nicht dazu, all diese bequemen Dienste abzulehnen. Sorgenfrei laden wir dort alles hoch. Die Fotos unserer Neugeborenen, Chat-Verläufe und E-Mail-Konversationen die Einblicke in unsere privatesten Momente liefern und neuerdings auch präzise Daten über unseren Körpers und dessen Gesundheit. Spätestens seit 2013 und den Enthüllungen von Edward Snowden wissen wir, dass dieses Problem noch viel ernster als angenommen ist, weil neben allen privaten Firmen die aus unseren Daten Profit machen, auch Geheimdienstorganisation auf der ganzen Welt genau auf diese Daten zugreifen können. Für sie ist dies so einfach wie für uns auf Google nach den Öffnungszeiten eines Restaurants zu suchen. Ich möchte an dieser Stelle ausnahmsweise mal nicht darauf eingehen wie unglaublich kleingeistig das komfortable Argument "Ich habe ja nichts zu verbergen" eigentlich ist. Es ist lediglich ein bequemes und faules Argument um sich keine Gedanken machen zu müssen. Es ist eine Angelegenheit über die jeder in unserer Gesellschaft aufgeklärt ist, doch auch hier gewinnt die kollektive Bequemlichkeit. Es gibt zwar unzählige gleichwertige zum Teil sogar hochwertigere Alternativen, doch wir lassen uns nicht davon abbringen, WhatsApp, Instagram, Facebook, TikTok und Co. weiter zu verwenden. Die Anstrengungen darauf zu verzichten scheint zu groß.

Unglücklicherweise endet diese Bequemlichkeit bei weitem nicht bei den vorher genannten recht harmlosen Themen. Sie greift auch bei Problemen bei denen es um ganze Schicksale und Menschenleben geht.

Denken wir zurück an die Flüchtlingskrise von 2015. Ein Thema bei dem schon fast pauschal vorgezogen wird, die Problematik ganz einfach zu ignorieren. "Denen geht es schlecht, aber mir geht es gut. Ich will, dass es so bleibt". Es ist als wären Europäer unfähig Empathie zu spüren wenn eine Unannehmlichkeit über 1000 Kilometer weit weg von ihnen statt findet. Eine Gesellschaft, die aus Bequemlichkeit und zum Teil Rassismus vorzieht, sich nicht um Heimatvertriebene zu scheren. Traurigerweise muss man feststellen, dass dieses Problem über fünf Jahre später immer noch fortbesteht. Wir lassen Flüchtlinge weit weg von uns in Lagern wie Moria unter unvorstellbaren Umständen verrotten oder lassen sie im Mittelmeer ertrinken, und falls sie doch noch rechtzeitig von freiwilligen der Seenotrettung geborgen werden, lassen wir sie nicht an Land kommen. Falls das Gewissen doch mal etwas lauter zu werden droht, wird es mit lächerlichen und vor allem schandhaften Aktionen wie der Rettung von gerade mal 50 von 14.000 Kindern schnell wieder beruhigt.

Ein flüchtiger Blick auf die Corona-Krise verrät, dass wir auch hier nicht lange nach egoistischer Gleichgültigkeit suchen müssen. Masken aufsetzen, Zuhause bleiben, Social Distancing, Homeoffice und gleichzeitige Kinderbetreuung? Anstrengend und nervig? Mit Sicherheit. Aber machbar. Genau wie 2015 stehen die gleichen Leute parat und fordern bequem, Leib und Leben anderer Menschen zu opfern, um ihnen die scheinbar enorme Zumutung sich etwas zurückzunehmen zu ersparen. Allerdings bleibt dieses mal kein stumpfer Rassismus auf dem man solch rücksichtsloses Verhalten schieben könnte.

"Warum soll ich Rücksicht zeigen und mich einschränken wenn die Krankheit doch sowieso nur ältere Menschen betrifft. Die sterben doch eh."

oder kurz

"Ich will ins Kino, Omas sterben sowieso"

Die Wissenschaft ist sich einig, dass diese Pandemie, die schlimmste seit der spanischen Grippe von 1918 ist, an welcher ironischerweise Donald Trumps, in Deutschland geborener Großvater Frederick Trump, gestorben ist. Trotzdem ziehen wir es vor diese Realität nicht als unsere anzunehmen und sich so zu Verhalten als wäre alles nicht so schlimm oder eine Lüge der Medien. Zum Beginn dieses Jahres sahen wir Szenen aus der Lombardei, die man normalerweise nur auf Kriegsschauplätzen bezeugen kann. Fast täglich gab es Videos von Militärkolonnen, die hunderte Tote aus den Städten fuhren. Fast tausend Menschen sind dort an einem Tag gestorben. Ein furchteinflößender Anblick, und doch gab es bei uns zur gleichen Zeit noch die stumpfsinnige Debatte ob die Lage wirklich so ernst zu sein scheint. In den gleichen Talkshows in denen Virologen wiederholt vor den Gefahren des neuartigen und unbekannten Virus warnten, wurde diskutiert ob die Bundesliga wirklich unbedingt pausiert werden muss. Ein Mundschutz wurde als "Maulkorb" bezeichnet, während in einem Land, nicht mal 1000 Kilometer von uns, Menschen in Krankenhausgängen unbehandelt ihrem Schicksal überlassen werden mussten. Die Debatte übertrifft jede Form von Ignoranz und Teilnahmslosigkeit, die man alten weißen Männern zugetraut hätte. Die minimale Bürde sich für eine gewisse Zeit zum Allgemeinwohl etwas zurückzunehmen und sich an offensichtlich sinnvolle Regeln zu halten scheint unvorstellbar. Mit Erschrecken muss man feststellen, dass diese Diskussion, die auf allem anderen als Fakten basiert, bis heute anzudauern scheint. Wir werden wieder bequem, wir wollen das alles nicht wirklich wahr haben, wir wollen doch einfach wieder nach Italien, wir wollen doch Urlaub machen. Als hätten wir das verdient.

Das Problem an der Bequemlichkeit ist, dass sie sehr schnell zu Ignoranz mutieren kann. Der Weg von "Ich weiß bescheid, aber unternehme nichts." bis "Ich will nichts darüber wissen." ist kein weiter. Diese Einstellung macht es noch einfacher Fakten zu ignorieren und in unserer eigenen Realität weiterzuleben. Verschwörungsmythen, Klimawandelleugner, COVID-19-Abstreiter und Co. sind nur ein Symptom davon.

Wir müssen uns gemeinsam aufrappeln um gegen die kollektive Bequemlichkeit anzukommen. Das genaue Gegenteil von bequem ist eben unbequem. Zum einen bedeutet das, dass wir aufhören müssen, Ungerechtigkeiten die uns nicht betreffen zu ignorieren und dagegen ankämpfen. Zum anderen heißt das, sich doch mal die ungemütlicheren Fragen zu stellen und die richtigen, teils anstrengenden Entscheidungen zu treffen.

Ist eine unbegrenzte Autobahn wirklich sinnvoll? Sollte man vielleicht doch ab und zu auf Fleisch verzichten? Muss es wirklich der große SUV sein? Bin ich manchmal vielleicht auch rassistisch? Kann Silvester auch ohne Böller funktionieren?

Das stellen dieser Fragen erfordert Mut und ist enorm anstrengend. Deshalb ist es äußerst schädlich wenn Personen die sich mit Beherztheit diesen Fragen stellen verspottet werden. So ist es beispielsweise ein Unding, dass Vegetarier oder Veganer, konstat für ihre mit Sicherheit nicht einfache Entscheidung verhöhnt werden.

Bei Konversationen in denen zum Beispiel rassistische oder homophobe Äußerungen gemacht, oder Falschinformationen verbreitet werden, darf man nicht einfach still bleiben um es allen Beteiligten einfacher zu machen.

Wer schweigt, gibt recht.

Ich bitte darum, sich auch wenn es unbequem ist, Gedanken über das eigene Verhalten zu machen und auch mal die unbequemen Fragen zu stellen.

Treffe ich Entscheidungen aufgrund egoistischer Motive? Suche ich lieber den einfachen Ausweg aus Unbequemlichkeit oder kenne und akzeptiere ich wirklich alle Fakten? Mische ich mich ein, wenn ich Zeuge einer Ungerechigkeit werde oder schweige ich? Ziehe ich manchmal vor, Fakten zu ignorieren weil sie meine Realität etwas ungemütlicher gestalten könnten?

Acedia ist eine der sieben Todsünden des katholischen Glaubens, die aus mehreren negativen Charaktereigenschaften bestehen. Der Begriff bezeichnet eine Haltung die sich gegen Anstrengung, Mühe oder Sorge wendet.
Obwohl ich kein Anhänger dieser Glaubensrichtung bin, stimme ich zu, dass es eine äußerst negative Charaktereigenschaft ist und vermieden werden sollte. Demütig muss ich feststellen, dass ich diese "Sünde" ebenfalls begehe und oft Teil des Problems bin.
Der Titel Acedia wurde gewählt weil ich dem immer noch größten Teil unserer Gesellschaft, den Christen daran erinnern wollte, dass es ihrem Glauben nach eine Todsünde ist einfach weg zu schauen, ignorant oder bequem zu sein und in seiner eigenen Realität zu leben.